nur Kultur pur

Abtauchen in Parallelwelten

Das Ensemble Tanz Luzerner Theater zeigt „Shades“.

Mit „Tanz 18: Celebration!“ feiert das Theater Luzern sein 175jähriges Schaffen.

Ein Abend im Zeichen dreier Werke von Choreografen, die sich mit ihrer eigenen Handschrift in den Tanz unserer Zeit vermerkt haben: Uraufführungen von Andonis Foniadakis und Cayetano Soto und eine Schweizer Erstaufführung von Fernando Hernando Magadan.

Im Banne einer kubanischen Sängerin

„Da ist Frau Perfekt. Da ist Frau Unpassend. Und dann gibt es da noch Dich, Schätzchen – Frau „Niemals Unpassend“.“ Die sonore Stimme der kubanischen Sängerin Guadalupe Victoria Yolí Raymond, besser bekannt als La Lupe, begleitet das erste Stück des Abends. Die willensstarke Sängerin, deren provokantes Leben in bitterer Armut endete, hat den spanischen Choreografen Cayetano Soto in Bann gezogen. Ihr hat er in Luzern eine kleine Hommage gewidmet.

Entstanden ist ein Stück der puren Emotionen. An Vaudeville-Tänzerinnen erinnernd zeigen sich die Tänzerinnen im Kegel des Scheinwerferlichts. Ihre Kostüme sind schlicht, hautfarben. Ihre Körpersprache verspielt, zuweilen sarkastisch im Subtext. Der Titel des Auftragswerkes „Malasombra“ – der spanische Ausdruck für boshaft oder gekränkt – steht nicht nur für die kubanische Sängerin, sondern auch für die Ablehnung, auf die sie in ihrem tragischen Leben stiess. In seinem Stück zeichnet Soto die „bösen Schatten“ des Menschen in allen Facetten – und wie es ist, aus diesen hervorzutreten. Nämlich einzigartig und anders zu sein als das Korsett der Gesellschaft vorgibt.

Das Luzerner Ensemble schafft mittels expressiver Haltungen und abgespreizten Gliedern eine lebhafte Bewegungssprache. Soto lässt die sechs Tänzerinnen und Tänzer Bewegungsextreme ausloten. Immer wieder wechselt die Choreografie in rasante Passagen – ohne dass die Sinnlichkeit der kubanischen Klänge verloren geht. Die Erotik in der Musik überträgt sich auf den Tanz. Immer wieder dreht sich „Malasombra“ um Anziehungskraft und lotet Gegensätze aus. Kubanisches Tanzfieber umgesetzt in zeitgenössischer Tanzsprache.

«Malasombra» in der Choreografie von Cayetano Soto

Nackte Instinkte kollidieren mit virtueller Zukunft

Der Titel „Naked Ape“ erinnert an die Theorie, dass wir Menschen vom Affen abstammen. Im Hintergrund ertönt eine Collage von Tierstimmen, jedoch auch Violinkonzerte von Johann Sebastian Bach. Über die Jahrhunderte haben wir uns weiterentwickelt, doch sind unsere menschlichen Instinkte geblieben. Diese beiden Gegensätze schafft Fernando Hernando Magadan in seinem Stück heraus: „We are still apes, just naked“. In der Schweizer Erstaufführung von „Naked Ape“ kollidieren nackte Instinkte mit virtueller Zukunft. Technik und Leben nach Mass prallen auf Urspünglichkeit und Nacktheit.

Die Bühne zieren auf Draht aufgezogene Skulpturen, die aus Stoff gefertigt sind Jede der Skulpturen ist mit einem anderen „Sound-System“ versetzt. Diese individuelle Ebene steht im Gegensatz zur künstlich-sterilen Bühnenumgebung. Einer der fünf Tänzer schlüpft in die Rolle eines Professors, der eine erfundene artifizielle Sprache spricht. In dieser unverständlichen akademischen Sprache erklärt er dem Publikum die Welt. Der Choreograf stellt die Frage, ob der Mensch fähig ist, die Welt zu verstehen und zu kontrollieren, auch wenn es sich um menschliche Urtriebe handelt.

„Naked Ape“ ist in Zusammenarbeit mit dem NDR (Netherlands Dance Theatre) and Klangkünstler Harmen Straatman entstanden. In seiner Luzerner Version zeigt Magadan eine unverzierte, asketische Bewegungssprache: Manchmal weich-fliessend, dann wieder eckig-eingeengt. Bewegungen in Slowmotion gehen in zuckende Körper über. Der Tanz als natürliches Element des Ausdrucks und der Identität: Der Choreograf rückt zwischenmenschliche Kommunikation ins Zentrum seines Schaffens – inmitten einer überladenen und technologisierten Welt.

«Naked Ape» in der Choreografie von Fernando Hernando Magadan.

«Naked Ape» in der Choreografie von Fernando Hernando Magadan.

Reise ins Innere der Nacht

Der Grieche Andonis Foniadakis – gegenwärtig einer der gefragtesten Choreografen weltweit – entführt uns in eine Schattenwelt. Eine Welt fernab des Tageslichtes. „Shades“ ist ein Spiel mit der Dunkelheit, in der Foniadakis Licht als Symbol einsetzt: Leuchtstoffröhren, die den Menschen scheinbar durchleuchten oder Stroboskoplicht, wie wir es aus Discos kennen. Damit bringt der Choreograf wortwörtlich Licht ins Dunkle: Die Tänzerinnen und Tänzer können sich nicht länger mit Dunkelheit bedecken. Sie müssen ihre versteckte Seite preisgeben und sich den Blicken der Zuschauer stellen. Ein Symbol für den gläsernen Menschen, für unser Dauerüberwachtsein im Alltag.

Für „Shades“ hat sich Andonis Foniadakis auf eine Zeitreise in die 80er und 90er Jahre von New York City eingelassen. Das Nachtleben in dieser Metropole hat er als exzessiv und anonym erlebt. Eindrücke, die auch sein Stück versinnbildlicht. Das Publikum erlebt eine Flucht vor der Realität: starke exstatische Bewegungen von gesichtslosen Gestalten aus einer virtuellen unwirklichen Welt. In einer Sequenz durchleuchtet das Ensemble eine Gestalt mit Leuchtstoffröhren, die wie Lichtschwerter aus einer Sciencefiction-Geschichte anmuten. Die Lichtröhren scheinen den Tänzer zu durchbohren.

Das Stück verbindet Performance-Kunst mit neuer Technologie. Der Abend ist von einem elektronischen Klangteppich unterlegt, komponiert von Komponist und Visual Art-Künstler Julien Tarride. Eine Musik, die perfekt zu Foniadakis radikaler zeitgenössischer Attitüde passt, welche sich durch das ganze Stück zieht. In der Dunkelheit erzählt „Shades“ in Bildern aus Parallelwelten, die wie Passagen aus der Zukunft anmuten. Die Inszenierung ist eine Einladung zu einer geheimnisvollen Reise in Dunkelheit und Licht des menschlichen Seins.

Text von Sulamith Ehrensperger, alle Fotos von Gregory Batardon 

«Shades» in der Choreografie von Andonis Foniadakis.

«Shades» in der Choreografie von Andonis Foniadakis.

Die Premiere von „Tanz 18: Celebration!“ fand am 1. April am Theater Luzern statt. Details zu den Stücken und den Aufführungsdaten unter http://www.luzernertheater.ch/tanz-18-celebration

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