nur Kultur pur

Eine Giselle, die aus der Reihe tanzt

Giselle aus den 60ern
(Foto: Gregory Batardon)

Das berühmteste aller Bauernmädchen ist Journalistin in einer Zeitungsredaktion. Luzern zeigt eine Giselle im Kleid der 60er Jahre. Eine kühne Arbeit des spanischen Choreografen Gustavo Ramírez Sansano, der den Klassiker in bildhafter Tanzsprache neu interpretiert.

 

Giselle – der Ballettklassiker schlechthin – erhält in Luzern einen neuen Anstrich. Es ist eine Giselle ganz ohne Tutu, Spitzenschuhe und ohne Schnörkel. Die Geschichte spielt in den 60er Jahren: Knappe bunte Kleidchen statt Tüllkleider, klappernde Schreibmaschinen und Abschlusshektik statt Bauernszenen, eine Zeitungsredaktion statt Bauernhof. Bauernmädchen Giselle ist Journalistin. Das Publikum erlebt zwischenmenschliche Begegnungen: Büroaffären, Leidenschaft, Intrigen und Eifersucht.

Die Luzerner Giselle fasst im Zeitungsverlag „Der neue Merkur“ Fuss. Dort verliebt sie sich in Abteilungsleiter Albrecht. Spielerisch entwickelt sich ihre Affäre im hektischen Redaktionsalltag. Doch die zarte Liebe zerbricht an Missverständnissen und falschen Hoffnungen.

Choreograf Gustavo Ramírez Sansano schildert eine Giselle, die aus einem Popup-Bilderbuch entsprungen sein könnte. In mutigen und unerwarteten Sequenzen erzählt er die bekannte Geschichte in neuartigen Bildern. Passend zu den 60er Jahren ist Sansano’s Giselle kräftiger und kantiger als die klassische Version. Ausdrucksstarke Bewegungen und sehr viel Armchoreografien, die zuweilen in Kontrast stehen zu den Tempi der Ballettmusik von Adolphe Adam.

 

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Die Musik von Komponist Adolphe Adam, gespielt vom Luzerner Sinfonieorchester, nimmt das Publikum ein – von ersten Ton an. Giselle gilt als Meisterwerk der Ballettgeschichte und wurde 1841 an der Pariser Oper uraufgeführt. Die Integration des klassischen Werkes gelingt, denn musikalisch schwingt sie mit, die Giselle, wie wir sie kennen.

Der zweite Teil des Abends spielt in einem Kloster. Ordensschwestern nehmen die verwirrte Seele auf. Verletzlich wirkt die gebrochene Giselle. Sie betrachtet sich vor dem Spiegel. Mit ihren Händen verdeckt sie ihren halbnackten Körper, der kurz darauf in Novizinnenkleidung gehüllt wird.

Es sind fröhliche, quirlige Nonnen, sie stolpern, fallen hin und fuchteln mit den Armen. „Sister Act“ entfaltet seine volle Wirkung, wenn die Nonnen beten. Auf Knien kreuzigen sie sich theatralisch, spreizen die Arme in die Höhe, ein exzentrisches Beten. Zuweilen wirken die Nonnen etwas überzeichnet. Sie stehen so ganz im Gegensatz zum weltberühmten Akt der feenhaften Rachegeistern „Willis“ der traditionellen Giselle-Version.

Doch auch in der Luzerner Version finden Giselle und Albrecht ihr Liebesglück nicht mehr. Die Nonnen vertreiben Albrecht. Giselle beschützt ihren Geliebten und doch stösst sie ihn zurück. Albrecht überkommt sein ganzer Schmerz. Mit einem packenden Solo endet das Stück: poetischer Pathos und Ausdruck purer Leidenschaft.

(Text: Sulamith Ehrensperger)

Giselle, Theater Luzern:  Weitere Infos zur Luzerner Giselle:

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